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Up Helly Aa: Das total verrückte Festival auf den Shetlands

Up Helly AaBeim „Up Helly Aa“ feiern die Shetlander ihre Wikinger-Vergangenheit. Foto: Dirk Kröger

Lerwick – diesen Ort kennen viele Kreuzfahrer, denn der Hafen wird oft angesteuert, wenn es Richtung Färöer-Inseln, Island oder Grönland geht. Ein kurzer Stopp in der rund 5.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Shetland-Inseln, die dann von Touristen überrannt wird. Aber schnell ist der Spuk für die Einwohner stets vorbei. Im Winter kommt ohnehin kein Kreuzfahrtschiff, denn dann stürmt es im hohen Norden, dann regnet es, dann herrscht schlicht und einfach Ekel-Wetter. Mit NorthLink Ferries aber ist Lerwick auch dann vom schottischen Aberdeen aus zu erreichen. Und regelmäßig Ende Januar sind die Fährschiffe der Reederei komplett ausgebucht. Das hat einen Grund…

Mit NorthLink Ferries ist Lerwick vom schottischen Aberdeen aus zu erreichen.

 

Den Briten wird nachgesagt, dass sie exzentrisch sind. Die Schotten sind ohnehin ein besonderes Völkchen. Aber dann gibt es als ultimative Steigerung noch die Menschen auf den Shetland-Inseln. Sie sind eigentlich keine Briten. Jedenfalls nicht so richtig. Die Inseln, 200 Kilometer nördlich von John O’Groats gelegen, gehören zu Schottland, und die Menschen sprechen so etwas wie einen schottischen Dialekt, den aber auch die Gäste aus Glasgow und Edinburgh praktisch nicht verstehen. Eigentlich fühlen sie sich mehr als Skandinavier und legen viel Wert auf ihre Wikinger-Vergangenheit. Deswegen feiern sie „Up Helly Aa“ – eines der ungewöhnlichsten Festivals in Europa.
 

Wikinger-Kult


Alles dreht sich um Wikinger, um Feuer, um Musik – und natürlich ums Feiern. Dass es beim Up Helly Aa jeweils am letzten Dienstag im Januar kalt, regnerisch und extrem windig ist, spielt keine Rolle. Wikinger lebten schon immer mit derartigem Wetter. Und schließlich soll mit dem Festival ja auch daran erinnert werden, dass die dunkelsten Tage nun Vergangenheit sind. Deswegen wird ganz offiziell bis in den nächsten Morgen hinein gefeiert. Auf den Shetland-Inseln ist der Tag nach dem Up Helly Aa offizieller Feiertag. Hierzulande heißt so ein Tag Aschermittwoch. Aber mit Karneval hat dieses Fest nichts zu tun.

 
Einem britischen Kriminalroman war es geschuldet, dass das Up Helly Aa überhaupt in meinen Fokus rückte. Vorher hatte ich noch nie von dem Festival gehört. Nachdem ich etwas recherchiert hatte, wollte ich aber unbedingt bei dieser einzigartigen Veranstaltung dabei sein. Erst später stellte ich fest, dass ein Besuch der Shetland-Inseln Ende Januar nur etwas für Hartgesottene ist. Das Wetter ist nicht unbedingt das, was sich der normale Mitteleuropäer für eine Urlaubsreise wünscht.


Aber irgendwie spielte das Wetter ganz schnell keine Rolle mehr. Lerwick, die Hauptstadt der Inselgruppe zwischen Nordsee und Atlantik mit rund 24.000 Einwohnern, steht einen Tag lang ganz im Zeichen der Wikinger. Die Shetlander feiern das nahe Ende des Winters, der kurzen Tage, sie feiern den kommenden Frühling – und sie feiern ihre eigenen Inseln. Zwölf Monate dauert die Vorbereitung auf diesen besonderen Tag. Jedes Jahr wird aufs Neue mit viel Akribie ein Wikinger-Langboot gebaut, das dann am letzten Dienstag im Januar für kurze Zeit Heimat der Wikinger wird.


Die werden vom Guizer Jarl angeführt, so etwas wie ihrem Häuptling. Natürlich ist es eine besondere Ehre, in dieses Amt berufen zu werden. Einige Männer der Inseln warten viele Jahre darauf. Aber dann stehen sie an diesem einen Tag im Mittelpunkt des Geschehens und haben mit ihrem rund 60-köpfigen Gefolge Schwerstarbeit zu verrichten: ein Termin jagt den nächsten. 24 Stunden lang gibt’s kaum eine Pause von all den Besuchen und Foto-Shootings.

Lyall Gair, der 2017 als 37-Jähriger einer der jüngsten Wikinger-Anführer aller Zeiten wurde, erlebte als Fünfjähriger erstmals das Up Helly Aa. Schon damals stand für ihn fest, dass er einmal Guizer Jarl sein wollte. 32 Jahre lang musste er darauf warten.


So richtig los geht’s am Abend, wenn es dunkel ist. Der Guizer Jarl und sein Gefolge versammeln sich in der Nähe des Rathauses von Lerwick – und mit ihnen über 900 weitere Männer, die stets 40 bis 50 unterschiedlichen Gruppen angehören und mit Fantasiekostümen ausgestattet sind. Der Zuschauer sieht erstmal gar nichts, nachdem die Straßenbeleuchtung erlischt. Dann wird es plötzlich hell, denn fast jeder der mehr als 1.000 Männer trägt eine brennende Fackel. Zu Folklore-Musik setzt sich eine Prozession in Gang, die nur ein Ziel kennt: den Feuerplatz.


Das Boot brennt
Und dann geht alles ganz schnell. Am Himmel wird ein Feuerwerk abgebrannt, am Boden werfen die Männer ihre Fackeln in das einst so mühsam gebaute Boot, von dem später nicht mehr übrig bleibt als ein paar rostige Nägel. Dabei wird musiziert, gesungen und gejubelt, denn die Helligkeit des brennenden Boots macht deutlich, dass der dunkelste Teil des Jahres Vergangenheit ist.

Vom Ausschalten der Straßenlaternen bis zum völligen Abbrennen des Bootes dauert es nur etwas mehr als eine Stunde. Danach verstreuen sich Teilnehmer und Zuschauer in alle Richtungen. Das Up Helly Aa hat zwar seinen spektakulärsten Teil hinter sich, ist damit aber längst noch nicht beendet, denn jetzt geht es in die Hallen, wo richtig gefeiert wird. Insgesamt elf davon gibt es, sie alle sind seit langer Zeit ausverkauft. Und klar ist auch ihre Öffnungszeit: Von 21 Uhr am Abend bis ganz genau 8 Uhr am nächsten Morgen.


Der unbedarfte Mitteleuropäer staunt beim Betreten der Hallen etwas, denn außer einigen Honoratioren und Mitgliedern des Organisations-Komitees sind fast nur Frauen als Gäste vor Ort. Ist ja klar: Die Männer gehören den einzelnen Gruppen an, die bei der Prozession dabei waren. Und diese Gruppen marschieren nicht nur am Abend mit ihren Fackeln, sondern besuchen im Laufe der Nacht auch noch alle elf Hallen, um dort mit Tänzen und Sketchen die jungen Damen zu begeistern, die sich allesamt angezogen haben, als wollten sie einen samstäglichen Disco-Besuch unternehmen.

 

Zwischendurch gibt’s schottische Folklore – und dann wird getanzt. Wer nicht tanzt, der isst, denn im Eintrittspreis von 25 bis 30 Pfund sind Kaffee und Tee, Suppe, belegte Brote und Gebäck inkludiert. Alkohol indes ist in der Halle verboten. Aber: Den hat jeder Gast selbst mitgebracht und verzehrt ihn nebenan – zum Beispiel in der Turnhalle, die offiziell zum „Trink-Raum“ umgewandelt wird. Die Nacht ist lang. Und nicht nur Wikinger können feiern. Die Shetlander beweisen das.

Irgendwie macht das Up Helly Aa süchtig, denn nach meinem ersten Besuch auf den Inseln folgten weitere – obwohl Gästebetten rar sind und die Anreise nicht leicht fällt. Aber vielleicht steckt ja nicht nur in jedem Shetlander ein kleines Stückchen Wikinger . . .

Text & Fotos: Dirk Kröger


13.09.2017

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